Kritische Innenansichten aus dem verbindungsstudentischen Milieu

Ein Veranstaltungsbericht zu dem korporationskritischen Vortrag von Dr. Stephan Peters in Tübingen am 18. Mai 2014. Mit dem Vortrag des ehemaligen Verbindungsstudenten, somit eines Insiders, in der Neuen Aula in Tübingen wurde von den veranstaltenden Gruppen versucht die Verbindungskritik wieder mehr im universitären Raum zu verbreiten und zu verankern.

Über 250 Personen waren gekommen, um dem Vortrag von Dr. Stephan Peters über studentische Verbindungen und deren Erziehungsmodelle zu lauschen. Dass jede*r Zuhörer*in aus reinem Erkenntnisgewinn gekommen war, lässt sich mit Fug und Recht bezweifeln. Geschätzt die Hälfte des Publikums waren Korporierte oder ihnen nahe stehende Personen. Schon am Eingang ließen es sich einige Verbindungs-Mitglieder nicht nehmen provokativ mit Bändel aufzutreten. Nach kurzer Diskussion nahmen sie dann aber das Ausweisstück ihrer Gruppenidentität ab, um den Raum betreten zu dürfen.

Für ehrlich interessierte Nicht-Korporierte barg der fundierte Vortrag des Referenten viele interessante Informationen und vor allem eine Analyse der studentischen Verbindungen als Sozialisationsagenturen. Verbindungen dienten spätestens seit 1871 mit Gründung des Deutschen Kaiserreichs der Reproduktion konservativer Eliten. Hier schafft sich bis heute das konservativ-bürgerliche Milieu seine soziokulturelle Elite.
Das häufig vorgebrachte Feigenblatt der Damenverbindung schnitt Peters bereits am Anfang ab. Seiner Meinung nach sei es für Frauen* „absurd und paradox männerbündisches Brauchtum nachzuahmen“. In den Männerbünden gehe es schließlich um die „Zuteilung von Mannbarkeit“ und viele von deren Ritualen seien frauenfeindlich.
Manche seiner Ausführungen setzten vielleicht zu viel historisches Wissen voraus. Nicht jede*r weiß noch aus dem Geschichtsunterricht, was genau der Kapp-Putsch war, trotzdem war auch der Abschnitt zur Geschichte der Studentenverbindungen interessant, weil sich die Korporationen selber gerne auf ihre Geschichte berufen und ihre Verfasstheit häufig noch dieselbe ist wie in ihrer Gründungszeit.
Klar wurde jedenfalls, dass die Mitgliedschaft in einer Verbindung die Unterwerfung des Individuums bedeutet und nicht dessen Selbstermächtigung. Denn hier herrsche, so Peters, ein „System von Befehl und Gehorsam“. Peters: „Der autoritäre Charakter feiert da fröhlichen Urstand.“
Zur korporierten Sozialisation gehört bei schlagenden Verbindungen die ‚Mensur‘, das ritualisierte Duell. Laut österreichischen Gerichtsbeschluss handelt es sich dabei um eine „Körperverletzung mit Einwilligung“. Bei den nichtschlagenden Verbindungen ersetzen Trinkrituale, Erniedrigungsrituale oder andere Riten die Mensur. Es geht dabei jeweils darum das Individuum der Gemeinschaft zu unterwerfen, teilweise sogar darum es regelrecht zu brechen.
Auch die Selbstdarstellung als demokratische Institution dekonstruierte der Referent überzeugend: „Die Grundstruktur eines Männerbundes ist nicht demokratisch.“ Es ginge zuvörderst um die Aufrechterhaltung der eigenen homogenen Gemeinschaft, deswegen gibt es beim Convent (Vollversammlung) einer Verbindung keine Fraktionen.
Er stellte sogar fest, dass Demokratisierungsprozesse in der Gesellschaft wie die Öffnung der Universität für Frauen* und Arbeiter*innen-Kinder sich für Verbindungen immer negativ ausgewirkt hätten. Anders gesagt: „Je mehr Demokratie, desto weniger Verbindungen.“

Beeindruckend war, dass der Referent ohne Manuskript und somit frei sprach, selbst bei den wiedergegebenen Zitaten. Auch der Diskussion stellte er sich in eloquenter (redegewandter) Weise. Kein Wunder, arbeitet der Referent doch auch als professioneller Rhetorik-Coach.
Von korporierter Seite gab es in der Diskussion das übliche Standart-Programm. Es wurden Fakten angezweifelt, der Referent wurde persönlich angegriffen (von einem Damenverbindungsmitglied kam ein Sexismus-Vorwurf) und das System Studentenverbindung wurde verharmlost („sind ja nur eine Art von WG“).
Auf die empörte Frage eines Damenverbindungsmitglieds wie er nur dazu käme ihre Institution in Frage zu stellen, wiederholte Peters: „Wie kommt man als Frau auf die Idee eine männerbündische Institution zu kopieren?“ Für ihn sei das absurd und alles andere als Emanzipation. Im korporierten Milieu herrsche eine „scharfe Geschlechterpolarität“. Frauen* würden von den Männerbünden nicht als vollwertig akzeptiert. Sie seien dort dazu da „Schnittchen zu schmieren“ erhielten aber „keinen Zugang zum inneren Kreis“. Diese Aussage wurde von lautem Gelächter der männlichen Verbindungsstudenten begleitet.
Ein Vertreter des Wingolfs (protestantisch geprägte Studentenverbindung) forderte mit den Worten „Wir sind ja alle Akademiker“ Toleranz und Dialog zwischen den Korporationen und ihren Gegner*innen ein und offenbarte damit seinen akademischen Standesdünkel (Klassismus).
Ihre ständige Forderung nach Differenzierung zwischen den verschiedenen Verbindungen und ihren Dachverbänden konterkarierten die Verbindungsstudenten und die wenigen Verbindungsstudentinnen an diesem Tag durch ihr einheitliches Auftreten. Im Applaus und Gegröle waren sie genauso vereint, wie am Ende als sie als geschlossener Block von etwa 70 Personen den Raum verließen. Offenbar gibt es hier doch mehr Verbindendes als Trennendes.

Der vom AK Clubhausia Tübingen, dem Infoladen Tübingen, dem Rosa-Luxemburg-Club Tübingen, dem Hochschul-Informations-Büro des DGB, dem „Anarchistischen Netzwerk Tübingen“, der DGB-Hochschulgruppe, der GEW-Hochschulgruppe und der kommunistischen Gruppe „LevelUp“ unterstütze Vortrag war eine Veranstaltung im Rahmen der Kampagne „Verbindungen auflösen“ der „Antifa Reutlingen-Tübingen“ (ART).
Klar wurde während des Vortrages, dass Studentenverbindungen aus der Gesellschaft heraus entstehen und rekrutieren und wiederum die bestehenden elitären (und somit ungerechten) gesellschaftlichen Verhältnisse reproduzieren. Um sie aufzulösen müsste daher eigentlich die Gesellschaft verändert werden. Dann würden die Tümpel der reaktionären Männerbünde bald von alleine austrocknen. Nicht ohne Grund hatten die Verbindungen um 1968 herum starke Probleme und viele lösten sich auf oder gaben ihren Status als Verbindungen auf und wurden ganz normale Vereine.
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*[ART]* – Antifa Reutlingen Tübingen
antifatuert.blogsport.de
antifatuert(a)riseup.net

Bericht zur Kundgebung gegen Bürgerschoppen am 18. Mai 2014

Am 18. Mai 2014 fand in Tübingen eine Kundgebung gegen das korporierte Bürgerschoppen statt. Beim Bürgerschoppen versammeln sich jedes Jahr Mitglieder fast aller Tübinger Studentenverbindungen. Dieses Jahr bezog die „Antifa Reutlingen Tübingen“ (ART) mit Unterstützung weiterer Gruppen Stellung gegen das Stelldichein der reaktionären Bändelträger.

Auf dem Holzmarkt vor der Stiftskirche fanden sich zeitweise über 80 Verbindungsgegner*innen ein, um gegen das Tübinger Verbindungsunwesen zu demonstrieren. Ein Infotisch und verschiedene Flyer, die verteilt wurden, dienten dazu Passant*innen zu informieren und Verbindungskritik wieder stärker in der Tübinger Bürgerschaft zu verankern. Alex Sofo, Pressesprecher der ART, stand zudem dem „Schwäbischen Tagblatt“ (Hier gehts zum Artikel) Rede und Antwort.
Es gab auch zwei Tische mit Bänken und mehrere Transparente. Die Transparent-Motive (u.a. „Antifeminismus ist keine Alternative!“) offenbarten eine Schwerpunktsetzung im Bereich Antisexismus.
Im Holzplatz-Brunnen gab es gekühlte Getränke und es gab auch einen Ermittlungsausschuss, der aber glücklicherweise nicht in Anspruch genommen wurde.
Über eine Anlage wurden von verschiedenen Gruppen Redebeiträge zu unterschiedlichen Themen gehalten:
* Begrüßungsrede (ART)
* Studentenverbindungen im Kapitalismus (SDAJ)
* Sexismus in Studentenverbindungen (Anarchistisches Netzwerk Tübingen)
* Geschichte der Studentenverbindungen (ART)
* Sexismus in der Gesellschaft (ART)
* Rechte Krisenlösungen (LevelUp)

Das 6. Bürgerschoppen: „allein das rechte Burschenherz“

„… allein das rechte Burschenherz“, so heißt es in einem beim Bürgerschoppen gesungenen Lied.
Weiter unten am Neckar versammelten sich derweil die Korporierten. Es kamen 300 Personen zum Bürgerschoppen, darunter aber nur wenige Nicht-Korporierte oder Nicht-Verwandte von Korporierten.
Aus dem Fenster der Burse, einem anliegenden Gebäude, hing ein Anti-Burschi-Transparent und immer wieder bewegten sich kleine Gruppen von der Kundgebung zum Bürgerschoppen, um dort ihren Protest zu äußern.
Die Musik beim Bürgerschoppen kam vom Musikverein Pfrondorf und die Bewirtung von der Feuerwehrabteilung Stadtmitte, einem Feuerwehr-Abschnitt mit korporierter Tradition.
Neben den selbst gesungenen Liedern gab es auch Reden. So sprach u.a. die rechte Hand des grünen Oberbürgermeisters, der Erste Bürgermeister Michael Lucke, und biederte sich den reaktionären Verbindungen an.

Fazit: Gegenposition sichtbar geworden
Gegen die zunehmende Dominanz uniformierter Männerbünde wurde nach Jahren erstmals wieder eine Gegenposition sichtbar, die das Verbindungsunwesen in Tübingen öffentlich kritisierte.
Als Bestandteil der Kampagne „Verbindungen auflösen“ stellte die Kundgebung einen ersten Schritt in die richtige Richtung dar. Weitere werden folgen. So gibt es am 27. Mai in der Neuen Aula um 19 Uhr einen Vortrag des Verbindungs-Aussteigers Dr. Stephan Peters.
Die Redebeiträge werden demnächst auf dem Kampagnen-Blog hochgestellt.

Danke auch an alle Teilnehmer*innen und Unterstützer*innen der Kundgebung!

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*[ART]* – Antifa Reutlingen Tübingen
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Den Bur­schen­tag in Ei­se­nach zum De­sas­ter ma­chen!

Gegen alle Män­ner­bün­de!

Die Deut­sche Bur­schen­schaft zer­legt sich selbst. Auch nach dem ver­gan­ge­nen Bur­schen­tag in Ei­se­nach ebbt die Aus­tritts­wel­le nicht ab: Fast die Hälf­te aller Bünde hat den Ver­band in den letz­ten drei Jah­ren seit dem Skan­dal um den so­ge­nann­ten „Ari­er­pa­ra­gra­phen“ und der damit ein­her­ge­hen­den Es­ka­la­ti­on der Flü­gel­kämp­fe ver­las­sen. Die ver­blie­be­nen Ver­bin­dun­gen sind die offen völ­ki­schen und fa­schis­ti­schen, aus­ge­tre­ten sind die na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven und die, denen ihr Image dann doch wich­ti­ger war als die Tra­di­ti­on. Kurz: Der einst be­deu­tends­te stu­den­ti­sche Kor­po­ra­ti­ons­ver­band ist nicht mehr das, was er ein­mal war.
Eines je­doch ist ge­blie­ben: Die Mit­glieds­bün­de der Deut­sche Bur­schen­schaft sind Män­ner­bün­de – und mit ihnen auch die an­geb­lich „li­be­ra­len“ Bünde, die die DB in den letz­ten Mo­na­ten und Jah­ren ver­las­sen haben, und über­haupt na­he­zu alle deut­schen und ös­ter­rei­chi­schen Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen.
Die Idea­li­sie­rung mar­tia­li­scher Männ­lich­keit, Ho­mo­pho­bie, völ­ki­scher Na­tio­na­lis­mus, Se­xis­mus und an­ti­fe­mi­nis­ti­sche Agi­ta­ti­on sind noch immer Gang und Gäbe in sämt­li­chen Bur­schen­schaf­ten.

You can‘t get out of the Män­ner­bund and the Män­ner­bund can‘t get out of you

Es ist keine harm­lo­se Freund­schafts­cli­que, die sich auf den Ver­bin­dungs­häu­sern ver­sam­melt, son­dern ein eli­tä­rer Män­ner­bund. Deut­sche Freund­schaft, zu Goe­thes und Schil­lers Zei­ten noch als ro­man­tisch und zärt­lich ge­dacht, ent­wi­ckel­te sich im Laufe des 19. Jahr­hun­derts zu einem Bund, der sich ganz der Na­ti­on ver­schrieb. Fort­an waren und sind in­di­vi­du­el­le Ge­füh­le nicht mehr Aus­druck einer ge­gen­sei­ti­gen Zu­nei­gung, son­dern dem ei­nen­den Na­tio­na­len un­ter­zu­ord­nen und auf die­ses aus­ge­rich­tet. An der Spit­ze die­ser Be­we­gung stan­den die Bur­schen­schaf­ten und Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen, die sich seit eh und je män­ner­bün­disch or­ga­ni­sier­ten. Die Freund­schaft, von der die Bur­schen auch heute noch so ehr­fürch­tig da­her­re­den, ist in die­sem Sinne vor allem erst­mal na­tio­na­lis­tisch auf­ge­la­den.
Wenn sich die Bun­des­brü­der ihre Liebe schwö­ren, von wahr­haf­ter Ka­me­rad­schaft und ewi­ger Freund­schaft des Le­bens­bun­des schwär­men, wenn sie in der rei­nen Män­ner­ge­sell­schaft sich bier­se­lig in den Armen lie­gen, sich ganz nahe kom­men und emo­tio­nal er­grif­fen sind, dann stel­len sie rausch­haft eine enge Ge­mein­schaft her. Den­noch, da sind sie sich einig, hat das nicht im Ge­rings­ten etwas mit Ho­mo­ero­tik zu tun. Es gilt jeden noch so kleins­ten Ver­dacht der Ho­mo­se­xua­li­tät ab­zu­weh­ren und zu ver­drän­gen – denn Schwul­sein be­deu­tet in ihren Augen wenig mehr als den Ver­lust von Männ­lich­keit und Selbst­be­herr­schung. Um sich des­sen zu ver­ge­gen­wär­ti­gen be­darf es al­ler­dings noch nicht ein­mal des Bli­ckes auf die Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen, ist eine sol­che Ab­wehr von Ho­mo­se­xua­li­tät bei gleich­zei­ti­gem Aus­le­ben in­nigs­ter gleich­ge­schlecht­li­cher Ge­mein­schaft doch auch in den ganz all­täg­li­chen Männer­run­den eben­so wie in sons­ti­gen män­ner­bün­disch or­ga­ni­sier­ten Grup­pen zu fin­den.
Der Män­ner­bund ist durch eine Hier­ar­chie der ein­zel­nen Mit­glie­der un­ter­ein­an­der ge­kenn­zeich­net. Im Un­ter­schied zum Ke­gel­ver­ein um die Ecke ist diese in den Ver­bin­dun­gen aber der­art ein­ge­rich­tet, dass sie strikt in­sti­tu­tio­na­li­siert sich auf alle Le­bens­be­rei­che der Män­ner­bünd­ler aus­wei­tet. Op­fer­be­reit­schaft und Füg­sam­keit wer­den so als Teil eines au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ters be­son­ders ge­för­dert. Um von der Macht des Bun­des pro­fi­tie­ren zu kön­nen, gilt es zu­nächst, in die­sem auf­zu­ge­hen. In­di­vi­dua­li­tät und ei­ge­ne Be­dürf­nis­se müs­sen im Män­ner­bund hin­ter den zen­tra­len Wer­ten von Ge­mein­schaft und Brü­der­lich­keit zu­rück­ste­hen. Kein Wun­der also, dass die Ver­bin­der auf be­son­ders ge­walt­sa­me Zu­rich­tung ste­hen: Die Idea­le sol­da­ti­scher Männ­lich­keit wer­den in be­son­de­rer Härte vor allem gegen sich selbst ein­ge­übt. Ziel die­ser Männ­lich­keits­ri­tua­le – allen voran der Men­sur – ist das völ­li­ge Auf­ge­hen in der Ge­mein­schaft. Die Be­loh­nung für Härte und Selbst­auf­ga­be ist die Teil­ha­be an der Macht des Män­ner­bun­des und das Be­wusst­sein, zur rang­über­le­ge­nen Grup­pe zu ge­hö­ren. Diese „na­tür­li­che Be­ru­fung und Eig­nung zur Füh­rung“ kön­nen Frau­en und „wei­bi­sche“ Män­ner – so das Den­ken der Ver­bin­der – nicht inne haben. Eli­te­den­ken at its best!

Es könn­te uns ja ei­gent­lich herz­lich egal sein, wenn die Bur­schen sich beim Fech­ten die Ge­sich­ter auf­schlit­zen oder nach dem x-ten Trin­k­ri­tu­al durch ihre Häu­ser stol­pern – doch all das – Schwä­che, Sinn­lich­keit, Pas­si­vi­tät –, was sie bei sich ver­leug­nen und müh­sam aus ihrem Cha­rak­ter ver­ban­nen müs­sen, um ihrem ei­ge­nen Männ­lich­keits­bild ge­recht zu wer­den, wer­ten sie bei denen ab, denen sie diese Ei­gen­schaf­ten an­dich­ten. Des­we­gen sind sie ho­mo­phob und se­xis­tisch und des­we­gen fin­den wir sie nach wie vor zum Kot­zen!
Gerne wird Ver­bin­dun­gen „Frau­en­feind­lich­keit“ vor­ge­wor­fen – wir sagen: Das greift zu kurz! Zwar brin­gen Ver­bin­dun­gen eine be­son­ders dra­ma­ti­sier­te Männ­er­rol­le und hel­di­sche Männ­lich­keit her­vor, diese fällt aber ja nicht ein­fach vom Him­mel, son­dern ist viel­mehr eine Zu­spit­zung des­sen, was bür­ger­li­che Männ­lich­keit oh­ne­hin schon aus­macht. Wäh­rend sich Ge­schlech­ter­rol­len aber heut­zu­ta­ge ver­än­dern, wäh­rend neue Ent­wür­fe von Fa­mi­lie und Zu­sam­men­le­ben Ein­zug hal­ten und gar ho­mo­se­xu­el­le Ehen mitt­ler­wei­le mög­lich sind, ver­an­schau­li­chen Bur­schen und Ver­bin­der den­noch, wor­auf diese Ge­sell­schaft noch immer ideo­lo­gisch und his­to­risch auf­baut.
Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen im All­ge­mei­nen und die Deut­sche Bur­schen­schaft im Be­son­de­ren sind Aus­druck des pa­tri­ar­cha­len Prin­zips der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft. Mal mehr und mal we­ni­ger of­fen­sicht­lich und mal mehr und mal we­ni­ger über­zeich­net las­sen sich an ihnen Kenn­zei­chen der pa­tri­ar­cha­len Nor­ma­li­tät ab­le­sen – sind sie doch schließ­lich so alt wie die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft selbst.

All these dirty litt­le boys that think that the girls were only made for toys

In der Vor­stel­lung der Män­ner­bünd­ler wen­det sich ihr Bund gegen über­mäch­ti­ge eman­zi­pa­to­ri­sche und fe­mi­nis­ti­sche Über­zeu­gun­gen, die – schon längst Main­stream ge­wor­den – den Ver­lust männ­li­cher Iden­ti­tät nach sich zögen. Aus die­ser vor­ge­stell­ten Be­dro­hungs­si­tua­ti­on speist sich die Ag­gres­si­vi­tät und Kom­pro­miss­lo­sig­keit män­ner­bün­di­scher Ideo­lo­gie. So glau­ben etwa die Bur­schen der DB, die tra­dier­ten Ge­schlech­ter­rol­len, ja ei­gent­lich das ge­sam­te Abend­land gegen „Gen­der-​Wahn“ ver­tei­di­gen zu müs­sen.
Der Män­ner­bund muss vor Frau­en und ihrem ne­ga­ti­ven Ein­fluss ge­schützt wer­den. Und da diese Be­dro­hung gemäß der män­ner­bün­di­schen Vor­stel­lung über­all ist, müs­sen da­ge­gen be­stän­dig Dämme er­rich­tet wer­den. Der Mann muss sich mit einem Pan­zer ver­se­hen, muss sich so sehr ver­här­ten, dass er gegen die weib­li­che Ver­füh­rung ge­wapp­net ist. Die Angst vor dem Weib­li­chen er­streckt sich dabei auch auf die Se­xua­li­tät, die als Ge­fahr für den Zu­sam­men­halt und die Pro­duk­ti­vi­tät des Män­ner­bun­des wahr­ge­nom­men wird. Durch die weib­li­che Se­xua­li­tät näm­lich wür­den die män­ner­bün­di­schen Idea­le auf­ge­weicht, die emo­tio­na­le Bin­dung von der Ge­mein­schaft und ihrem höchs­ten Zweck ab­ge­zo­gen und En­er­gi­en, die sich in Leis­tung um­set­zen lie­ßen, ver­schwen­det. Die ver­meint­lich rein prag­ma­ti­schen Be­grün­dun­gen, mit denen Män­ner­bünd­ler den Aus­schluss von Frau­en recht­fer­ti­gen – in ge­mischt­ge­schlecht­li­chen Ge­mein­schaf­ten droh­ten „Be­zie­hungs­dra­men“ oder „Ver­füh­rung“ – sind le­dig­lich Aus­druck der Angst vor dem Weib­li­chen.
Da der häus­li­che Schau­platz der Fa­mi­lie weib­lich do­mi­niert sei, dient der Män­ner­bund als le­bens­lan­ger Fa­mi­li­en­er­satz in der öf­fent­li­chen Sphä­re. Er er­mög­licht eine ge­wis­ser­ma­ßen „ge­schlechts­lo­se“ Re­pro­duk­ti­on der Män­ner­ge­mein­schaft ohne Frau­en. Und doch stel­len Frau­en als Gäste auf Kom­mer­sen und Fes­ten, als Ball­da­men und „Freun­din­nen des Hau­ses“ mehr dar als das oft zi­tier­te „schmü­cken­de Bei­werk“. Sie sind ein not­wen­di­ger Teil des män­ner­bün­di­schen Le­bens. Erst durch diese Ver­bin­dung von Fa­mi­lie und Män­ner­bund wird der Mann zu einem „gan­zen Mann“. Die Rolle der Frau ist des­halb keine be­lie­bi­ge, son­dern sie ist für den Män­ner­bund un­ab­ding­bar. In­so­fern tra­gen Frau­en allzu oft wil­lent­lich zu des­sen Funk­tio­nie­ren bei. Män­ner­bün­di­sches Den­ken ist dabei durch­aus wi­der­sprüch­lich. Ei­ner­seits gilt ihm die Fa­mi­lie als Ort der Ver­weich­li­chung, deren ne­ga­ti­ver so­zia­li­sa­to­ri­scher Ein­fluss durch den Män­ner­bund über­wun­den wer­den soll, an­de­rer­seits aber als „Keim­zel­le“ der Volks­ge­mein­schaft und Rück­zugs­ort vor der er­bar­mungs­lo­sen ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz.
Seit An­fang des 20. Jahr­hun­derts, als sich die Ideo­lo­gie des Män­ner­bunds in Re­ak­ti­on auf ge­sell­schaft­li­che Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen ent­wi­ckel­te, hat sich der Cha­rak­ter des Män­ner­bun­des kaum ver­än­dert. Auch heute noch war­nen Red­ner auf den Ver­bin­dungs­häu­sern re­gel­mä­ßig vor dem Aus­ster­ben der Fa­mi­lie und der „Volks­ge­mein­schaft“.
Nach dem Ende des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus sind Ar­gu­men­ta­tio­nen zur Ver­tei­di­gung män­ner­bün­di­scher Or­ga­ni­sie­rungs­for­men in der Regel we­ni­ger stark ideo­lo­gi­siert bzw. wird der Be­griff des Män­ner­bun­des nicht mehr so hoch­ge­hal­ten wie es zuvor noch der Fall war. Statt­des­sen wird auf Kri­tik mit dem Ver­weis auf Plu­ra­li­tät und Mei­nungs­frei­heit re­agiert: Man stehe in einer jahr­hun­der­te­al­ten Tra­di­ti­on, es gebe ja auch rein männ­li­che Fuß­ball­ver­ei­ne oder Stamm­ti­sche, und au­ßer­dem sei ja jedem Men­schen frei­ge­stellt, wie er oder sie leben wolle. Der Män­ner­bund – heute also nur noch eine Frage des Ge­schmacks? Nein, denn nur weil die Män­ner­bünd­ler kei­nen Be­griff von sich selbst haben, heißt das nicht, dass die spe­zi­fi­schen Merk­ma­le des Män­ner­bunds nicht trotz­dem wei­ter be­ste­hen. Tra­di­ti­on wird als Leer­for­mel her­an­ge­zo­gen um Frau­en aus­zu­schlie­ßen. Damit ist und bleibt der Cha­rak­ter des Män­ner­bunds an­ti­de­mo­kra­tisch und eli­tär. Bür­ger­li­chen Me­di­en wie SPIE­GEL und Co., die sich le­dig­lich em­pö­ren, wenn es Ver­bin­dun­gen zwi­schen Neo­na­zis und Bur­schen­schaf­ten auf­zu­de­cken gibt, und den „li­be­ra­len“ Bün­den eine weiße Weste aus­stel­len, muss daher ve­he­ment wi­der­spro­chen wer­den: Nichts ist li­be­ral am Män­ner­bund!

Gegen alle Män­ner­bün­de!
Fe­mi­nis­ti­sche Ge­sell­schafts­kri­tik statt Män­n­er­klün­ge­lei!
Den Bur­schen­tag in Ei­se­nach zum De­sas­ter ma­chen!

Update zur Kundgebung gegen den Bürgerfrühschoppen

Nach wie vor rufen wir für den kommenden Sonntag, 18.5., zur Kundgebung gegen den Bürgerfrühschoppen der Tübinger Studentenverbindungen auf. Den Aufruf dazu findet ihr hier.
Die Kundgebung wird um 10 Uhr beginnen und mit einem Infotisch und verschiedenen Redebeiträgen bis ca 14 Uhr dauern.
Wir empfehlen euch unbedingt Bezugsgruppen zu bilden, was das ist und einige Infos dazu findet ihr hier.
Obwohl wir nicht mit Problemen mit Polizei und Ordnungsamt rechnen, wird es für alle Fälle einen EA geben. Die Nummer erfahrt ihr am Sonntag auf der Kundgebung.

Verbindungen auflösen!

Verbindungskritischer Vortrag

Elite sein.

Wie und für welche Gesellschaft sozialisieren studentische Verbindungen?

Das Ziel studentischer Verbindungen ist es, eine männliche Elite zu reproduzieren. Und das tun sie seit über 150 Jahren nahezu unabhängig vom Staatssystem mit großem Erfolg. Führende Politiker und wichtige Personen aus Wirtschaft und Wissenschaft zählten und zählen zu ihren Mitgliedern. Wie aber funktionieren die Reproduktion und die Aufrechterhaltung des beeindruckenden informellen Netzwerkes von konservativ-männlicher Macht in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft?
Dr. Stephan Peters, *1969, Politikwissenschaftler und ehemaliger Verbindungsstudent, ordnet die Verbindungen anhand ihrer Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte politisch ein. Er schlüsselt die Wirkmechanismen zur Bildung und Reproduktion des elitären Netzwerkes anhand der männerbündischen Rituale auf und entzaubert so ein Stück geheimer und höchst politischer Männerbündelei jenseits von Demokratie und Frauenemanzipation.

Ort: Hörsaal 14, Neue Aula Tübingen
Datum: 27.05.2014
Zeit: 19.00 Uhr

Eine Veranstaltung der
*[ART]* – Antifa Reutlingen Tübingen
in Zusammenarbeit mit
AK Clubhausia Tübingen
Infoladen Tübingen
Rosa Luxemburg Club Tübingen
Hochschul-Informations-Büro des DGB