Hier findet ihr einige Texte und Reader zur Verbindungskritik.

Reader des AK Clubhausia: Mitbewohner gesucht: Informationen zum Tübinger Verbindungswesen

Unsere Kritik an Studentenverbindungen, in der wir uns bemüht haben komprimiert aber genau und verständlich auf die vielseitigen Kritikpunkte einzugehen.
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Redebeiträge der Kundgebung gegen den Bürgerfrühschoppen

Redebeitrag zu Rechten Krisenlösungen – level up (kommunistische Gruppe)
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Redebeitrag zur Geschichte von studentischen Verbindung mit Schwerpunkt auf Tübingen – *[ART]* (Antifa Reutlingen Tübingen)

Verbindungen und insbesondere Burschenschaften rühmen sich gern ihrer angeblichen demokratischen Traditionen und stellen sich als Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie dar. Besonders weit verbreitet ist dieses Bild im Bezug auf die Rolle der Burschenschaften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und während der Revolution von 1848. Die Burschenschaften erscheinen hier als aufrechte Kämpfer gegen die Wiederherstellung der deutschen Kleinstaaten und die Macht der Fürsten und für Freiheit und Demokratie. Während die Zeit des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik in der Selbstdarstellung der Verbindungen kaum vorkommt, stellen sie sich für die Zeit des Nationalsozialismus gern als Verfolgte dar. Aber was ist dran an diesem Bild der demokratischen und freiheitlichen Burschenschaften und Verbindungen?

Studentenverbindungen bis 1848

Zwar waren die Burschenschaften, die in dieser Form in der Folge der sogenannten Befreiungskriege gegen Napoléon (1813-1815) entstanden und vom damals aufkommenden deutschen Nationalismus geprägt waren, zumindest teilweise für die Einführung bürgerliche Freiheiten und die Überwindung der Adelsherrschaft, sie waren allerdings keineswegs durchgängig demokratisch oder republikanisch orientiert. In erster Linie strebten sie die Schaffung eines geeinten deutschen Nationalstaats an, in dem die Zersplitterung in zahlreiche Fürstentümer überwunden und die als deutsch betrachteten Gebiete geeint werden sollten. Der deutsche Nationalismus der Burschenschaften war von Anfang an antisemitisch, was sich z.B. beim Wartburgfest zeigte, dem für die Entwicklung der Burschenschaften große Bedeutung zukam. Dort wurde neben anderen als reaktionär oder undeutsch betrachteten Schriften auch ein Buch von Saul Ascher, das den deutschen Nationalismus und Antisemitismus kritisierte, mit antisemitischer Begründung verbrannt. Auf dem geheimen Burschschtag in Dresden 1820 wurde gar beschlossen, dass Juden nicht aufgenommen werden sollten, „außer wenn erwiesen ist, daß sie sich christlich-deutsch für unser Vaterland ausbilden wollen.“
Heinrich Heine, der zu dieser Zeit ein Burschenschaftler war schrieb folgendes: „Im Bierkeller zu Göttingen musste ich einst bewundern, mit welcher Gründlichkeit meine altdeutschen Freunde die Proskriptionslisten anfertigten, für den Tag, wo sie zur Herrschaft gelangen würden. Wer nur im 7. Glied von einem Franzosen, Juden oder Slawen abstammte, ward zum Exil verurteilt. Wer nur im mindesten etwas gegen Jahn oder überhaupt gegen altdeutsche Lächerlichkeiten geschrieben hatte, konnte sich auf den Tod gefasst machen…“ Diese Bereitschaft Menschen zu töten, die als Vaterlansverräter definiert wurden, zeigte sich 1819 bei der Ermordung des Schriftsteller und russischen Diplomaten Agust von Kotzebue durch den Burschschafter Karl Ludwig Sand, der seit 1815 Mitglied im Corps Teutonia zu Tübingen war.

In der Tübinger Geschichte des 19. Jahrhunderts sind es insbesondere zwei Ereignisse, die am Bild der demokratisch eingestellten und für Freiheit kämpfenden Verbindungen und Burschenschaften kratzen. Am 16. Januar 1831 zogen im so genannten Gogenaufstand etwa 60 Handwerksburschen und Weinbergsarbeiter aus Protest gegen Polizeiwillkür durch Tübingen und riefen „Es lebe die Freiheit“ und „Es lebe die Pressfreiheit“. Mit den Waffen der Stadtgarde, des Schützencorps und des „Akademisches Sicherheitscorps“, das zum Teil aus Burschenschaftern bestand, wurde dieser Protest unterdrückt. Ähnliches wiederholte sich ein paar Jahre später, als im Jahr 1847 in Tübingen nach Missernten am 4. Mai Hungernden versuchten eine Mühle zu stürmen. Etwa 150 bewaffnete Studenten des „Akademischen Sicherheitscorps“, darunter viele Verbindungsstudenten, wurden eingesetzt, um die Hungernden zurückzutreiben. Hier zeigt sich die Rolle und das Selbstverständnis der Verbindungen als Elite, aus dem sich Ablehnung sozialer Aufstände, Unterstützung des Staates gegen diese und Verachtung für Nichtstudierte und sozial schlechter Gestellte ergaben.

Kaiserreich und Erster Weltkrieg

An der bürgerlichen Revolution in Deutschland 1848/49 waren viele Burschenschafter mit unterschiedlichen Zielsetzung zwischen demokratischem deutschem Einheitsstaat und großdeutschem Kaiserreich beteiligt. Nach deren Scheitern und der weitgehenden Wiederherstellung der Macht der Fürsten passten sich auch die Burschenschaften zunehmend den Gegebenheiten an, die übrigen Korporationen waren schon immer angepasst gewesen. Viele stellten in der Folge das Ziel der Schaffung eines deutschen Nationalstaats über das Streben nach Freiheitsrechten und begrüßten das 1871 geschaffene Deutschen Kaiserreichs, obwohl dieses von den Herrschenden gegründet worden war und starke autoritäre Züge trug. Die Studentenverbindungen stellte im Deutschen Kaiserreich einen großen Teil der Herrschaftseliten. Besonders die adelig geprägten Corps wurden von Angehörige des im Kaiserreich bestimmenden preußisch-protestantischen Militäradels dominiert. Generell produzierten Korporationen durch ihre Erziehung gut funktionierendes Personal für den autoritären Staatsapparat und gute Untertanen der Monarchie. Gewürzt wurde das mit dem ausgeprägtem, oft völkischen, Nationalismus und der Begeisterung für alles Militärische.

So waren Studenten, besonders korporierte Studenten, im Ersten Weltkrieg begeisterte Kriegsfreiwillige für Kaiser und Vaterland. Viele verstanden die Kriegsteilnahme als männliche Feuertaufe, als große Mensur. Die Kriegsbegeisterung wurde bei den Verbindungen angefacht
und durch eigene Kriegszeitungen aufrecht erhalten. In Tübingen gaben von 34 Verbindungen im Ersten Weltkrieg 14 eine eigene Kriegszeitung heraus. Im Endeffekt bezahlten viele junge Männer ihren Hurra-Patriotismus mit dem Leben. Von etwa 2.000 im Sommersemester 1914 immatrikulierten Tübinger Studenten überlebten überlebten 720 bis 738 den Krieg nicht. Die Tübinger Stundentenverbindungen verloren sogar über die Hälfte der aktiven Mitglieder, die Tübinger Cheruskia verlor sogar ihre gesamte Aktivitas.

Doch die hohen Todeszahlen veranlassten die Tübinger Verbindungen nach dem Ersten Weltkrieg nicht zum Hinterfragen ihres Nationalismus und Militarismus. Vielmehr wurde durch die Legendenbildung um vermeintliche Helden und die Überhöhung des massenhaften Sterbens zum
Opfertod fürs Vaterland dem sinnlosen Sterben Sinn verliehen. Davon zeugen noch heute viele kriegsverharmlosende bzw. verherrlichende Ehrenmäler der Tübinger Verbindungen. Diese finden
sich häufig auf deren Grundstücken der Verbindungen oder in den Verbindungshäusern.

Weimarer Republik

Der Krieg war für viele Nationalist_innen in Deutschland mit der Novemberrevolution und dem
Friedensvertrag von Versailles nicht zu Ende. Vielerorts wurde weiter gekämpft, es kam zu bürgerkriegsähnlichen Szenarien. Tübinger Verbindungsstudenten (u.a. Liechtenstein, Ghibellinnia,
Germania Tübingen, Stuttgardia) stellten ein Studentenwehr-Bataillon mit 800 Mann auf, eingeteilt in eine Schlossberg- und eine Österbergkompanie („Tübinger Studenten Companie“). Die beiden
Studenten-Kompanien „Österberg“ und „Schlossberg“waren damit Teil der so genannte „Freikorps“. Die Freikorps waren antisemitisch, antilinks und ultranationalistisch motivierte Freiwilligen-Einheiten. Schon 1920 verwendeten manche von ihnen das Hakenkreuz als Symbol ihrer völkischen Gesinnung, etwa Angehörige der Tübinger Stuttgardia. Obwohl vom Charakter rechtsradikal, agierten die Freikorps vielerorts als Paramilitärs im Auftrag der von der SPD unter Friedrich Ebert geführten Regierung. Diese bekämpfte vehement alle Bewegungen, die Alternativen jenseits der parlamentarischen Demokratie anstrebten, beispielsweise eine Rätedemokratie.

So wurde das Freikorps aus Tübingen im April und Mai 1920 gegen die Räterepublik in Bayern und gegen streikende Arbeiter_innen in Stuttgart und Tübingen in Marsch gesetzt. Außerdem wäre es beinahe am rechten, republikfeindlichen Kapp-Putsch März 1920 beteiligt gewesen. Stattdessen wurde das Freicorps ins Ruhrgebiet entsandt, um dort revolutionäre Arbeiter_innen zu bekämpfen, die sich erhoben hatten um den Kapp-Putsch zu verhindern und die Revolution voranzutreiben. Bei diesen militärischen Unternehmungen kam es immer wieder zu Kriegsverbrechen. Allein bei der Niederschlagung der bayrischen Räterepublik im Jahre 1919 verüben rechte Freikorps etwa 1.000 standrechtliche Erschießungen. Vom 30. April bis 4. Mai 1919 wurden in München und Umgebung von den Regierungstruppen, darunter auch das Tübinger Studentenbataillon, etwa 500 Personen erschossen (Amtlich registriert wurden nur 181 und zwar als „tödlich verunglückt“,, „auf der Flucht erschossen “ oder „in Not­wehr erschosssen“.)
Die Teilnahme an den Freikorps-Einsätz wird in Verbindungen nicht geleugnet. So schrieb etwa die
Landsmannschaft Ghibellinia noch 2005 auf ihrer Homepage: „Im Jahre 1919 vereinigen sich die Tübinger Korporationen unter der Führung Ghibellinias zu Studentenbataillone, welche maßgeblich an der Niederschlagung des Spartakusaufstandes in Stuttgart und München beteiligt waren. Aus dieser Zeit stammt auch noch die Waffenkammer auf dem Ghibellinenhaus, wo die Waffen des Bataillons eingelagert waren.“
Nach dem Ende der meisten Kämpfe 1921 bzw. 1923 gingen die Freikorps in vielen Fällen in die so genannte Schwarze Reichswehr über. Diese existierte mit Duldung und Förderung der Militärs zur Verstärkung der offiziellen Armee, der Reichswehr, deren Stärke im Versailler Vertrag auf 100.000 Mann begrenzt worden war. Auch in Tübingen existierten Strukturen dieser Schwarzen Reichswehr.
Ein andere Nachfolge-Organisation der Freikorps war die Organisation Consul (OC). Die OC war eine nationalistische Terrororganisation, die während der Weimarer Republik durch zahlreiche politisch motivierte Morde versuchte das demokratische System zu erschüttern. Diese ultrarechte Untergrundorganisation, die zeitweise 5.000 Mitglieder stark war hatte auch einen Ableger in Tübingen, in der Wöhrdstraße 7. Diesen hatte die Burschenschaft Germania 1921 für sie angemietet.

Vermutlich über die Hälfte aller Studenten in der Weimarer Republik waren korporiert. Für Tübingen sind die Zahlen ähnlich, manchen Angaben sprechen gar von bis zu 70%. In der Weimarer Republik allgemein wie speziell in Tübingen verstärkten die korporierten Studenten das rechte Klima auf dem Campus und bereiteten mit ihrem völkischen Nationalismus dem Nationalsozialismus den Weg. Korporierte gründeten und trugen in Tübingen den Hochschulring Deutscher Art (HDA), eine völkische Sammlungsbewegung. Der HDA hatte in seinem Gründungsjahr 1921 ungefähr 800 Mitglieder (29% der Gesamtstudierendenschaft, 80% Verbindungsstudenten). Der Beitritt von Korporationen zum HDA geschah teilweise geschlossen (Franconia, Ghibellinia, Rhenania, Stochdorphia, Suevia, VDSt) oder mehrheitlich (Borussia, Derendingia, Eberhardina, Germania, Hohenstaufia, Palatia, Wingolf). Die Vorgängerorganisation, der Nationale Studentenbund, beschloss bereits 1920 den Ausschluss von Juden. Im selben Jahr fasste der Kösener Senioren-Covents Verband, ein wichtiger Zusammenschluss von Corps, den selben Beschluss, ein Zusammenschluss pflichtschlagender Verbindungen, dem heute in Tübingen die Corps Rhenania, Franconia und Borussia angehören. HDA-Vorsitzender im Wintersemester 1924/25 war der spätere Professor für Politikwissenschaft in Tübingen, Theodor Eschenburg, Mitglied der Tübinger Burschenschaft Germania.
Konkret mobilisierte der HDA gegen Linke und Pazifisten, etwa am 02.07.1925, als etwa 400 rechtsradikale Studenten einen Vortrag des Heidelberger Professors und Pazifisten Julius Emil Gumbel in Tübingen-Lustnau attackierten. Die Angreifer hatten sich bewaffnet, sangen nationalistische Lieder wie „Siegreich woll‘n wir Frankreich schlagen“und griffen den Veranstaltungsort mit Steinen an. Einzelne riefen„Hängt die Saujuden auf“. Der Angriff konnte von den unbewaffneten Unterstützern des Vortrags und Anwohner_innen, die über das Vorgehen der Verbindungsstudenten empört waren, abgewehrt werden, forderte aber 14 Verletzte.
Der bei den Protesten gegen den jüdischstämmigen Dozenten Gumbel zu Tage getretene Antisemitismus war unter Studenten keine Seltenheit. Das betraf nicht nur die Burschenschaften.
So schloss die „Satzung des Tübinger Waffenrings“ von 1927, des damaligen Zusammenschlusses der schlagenden Verbindungen, das Fechten von Mensuren mit Angehörigen jüdischer Verbindungen oder von Verbindungen die Juden aufnahmen, aus.
Aus diesem grundsätzlichen antisemitischen, militaristischen und deutschnationalen Ungeist resultierten schon früh Sympathien vieler Verbindungen mit dem Nationalsozialismus.
Nicht ausschließlich, aber in besonderem Maße, nahmen Burschenschaften hier eine Vorreiterrolle ein.

Schon früh kam es zu einer starken korporierten Beteiligung am „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund “(NSDStB), der NSDAP-Hochschulorganisation. Doch beschränkte sich das Engagement nicht auf den NSDStB. Die Ortsgruppe des NS-Vereins „Kampfbund für Deutsche Kultur“ des Nazi-Mystikers Rosenberg wurde im Jahr 1932 unter Mitwirkung Tübinger Sängerschafter auf dem Haus der Sängerschaft Zollern gegründet. Ihr traten auch ganze Korporationen als Mitglieder bei. Dass Korporierte die Speerspitze des Nationalsozialismus in Tübingen nicht nur an der Universität stellten, zeigt sich auch daran, dass ein Angehöriger der Normannia 1927/28 stellvertretender NSDAP-Ortsgruppenleiter war. Der Hochschulgruppenführer des Tübinger NSDStB, schrieb im Februar 1932 stolz: „Es ist hier so, daß wir in allen Verbindungen unsere Leute haben, auch in den katholischen Verbindungen.“ Dass auch katholische Korporierte sich in Tübingen vor 1933 nationalsozialistisch betätigten, weist auf eine frühe Dominanz der Nationalsozialisten hin. Auch auf organisatorischer Ebene funktionierte das Bündnis zwischen Studentenverbindungen und Nationalsozialisten. Zur Wahl des AStA-Vorsitzenden am 28. Juli 1931 schlossen NSDStB und das Wahlkartell der schlagenden Korporationen sich zusammen. Zwei Mitglieder der Landsmannschaft Ulmia kandidierten bereits 1932 auf der Liste des NSDStB. Diesem frühe Einsatz für den Nationalsozialismus entsprechend schrieb die Ulmia 1933 in ihrer Bundeszeitung: „Heute wollen zwar viele Menschen und Verbände ‚unbewußt’, ‚im Grunde ihres Herzens’ immer schon nationalsozialistisch gedacht haben. Wir Ulmer können aber für uns in Anspruch nehmen, jedenfalls in den Nachkriegsjahrgängen Gedanken gezüchtet, gepflegt und betätigt zu haben, die dem Nationalsozialismus Adolf Hitlers wesentlich sind.“

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, löste dies am folgenden Tag einen Generalstreik im nahe bei Tübingen gelegenen Mössingen aus. In Tübingen hingegen begrüßten viele Verbindungsstudenten die Machtübertragung an die Nazis, wenn sie nicht sogar selbst aktiv darauf hingearbeitet hatten. Nach 1933 schalteten sich viele freiwillig gleich, d.h. sie übernahmen das Führer-Prinzip. Die Landsmannschaft Ulmia brauchte das gar nicht mehr zu tun und verkündete im Mai 1933stolz: „Wir brauchen uns nicht gleichzuschalten, denn wir sind es seit jeher.“

Die Studentenverbindungen führten nun – sofern noch nicht geschehen – den „Arierparagrafen“ ein
d.h. man verschloss als Juden oder Jüdischstämmig definierten Menschen generell den Zugang.
Im Semesterbericht des Corps Suevia zu Tübingen, Ende des Wintersemesters 1933/34, heißt es über eine in der Mitgliederversammlung vom 22. Juli 1933 vorgenommene Satzungsänderung:
„Zweck unseres Corps ist die Bildung einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die im Sinne der Nationalsozialistischen Weltanschauung ihre Angehörigen in aufrichtiger Freundschaft verbindet und zu Vertretern eines ehrenhaften Studententums und zu charakterfesten, pflichttreuen Männern erzieht. Judenstämmlinge und jüdisch Versippte oder Freimaurer können nicht Angehörige des Corps sein.“
Man unterwarf sich dem neuen Zeitgeist oder betonte die Parallelen. Selbst katholische Verbindungen wie die Alamannia waren begeistert mit dabei. So heißt es in den Tübinger Alamannen-Blätter vom Dezember 1933: „Ja, hinein in SA, SS oder Stahlhelm“. Im selben Heft begrüßt die Alamannia Tübingen „freudigen Herzens die nationalsozialistische Erhebung“ und „stellt sich geschlossen und rückhaltlos hinter den Führer, den Reichskanzler Adolf Hitler“ und beruft sich dabei auf den Wahlspruch ihres Verbandes : Mit Gott für deutsche Ehre.“

Diese Begeisterung vieler Verbindungen für den Nationalsozialismus bedeutet nicht, dass es keine Auseinandersetzungen zwischen den Organisationen der NSDAP und den Verbindungen gab. Jedoch entzündeten sich diese von Verbindungen teilweise zum Widerstand hochstilisierten Konflikte in aller Regel nicht an der nationalsozialistischen Ideologie, die von sehr vielen Verbindungen geteilt wurde. Ursache war vielmehr der Absolutheitsanspruch des Nationalsozialismus und das Bestreben der Verbindungen ihre organisatorische Eigenständigkeit zu wahren. Gleichzeitig wurde oft versucht, sich von beiden Seiten anzunähern. Die Auflösung der Studentenverbindungen 1935, ist deshalb auch keinesfalls mit dem Verbot etwa der KPD, der SPD und der Gewerkschaften gleichzusetzen. Sie geschah um den Anspruch der NSDStB auf alleinige Vertretung der Studierenden durchzusetzen und nicht, weil die Verbindungen als politische Gegner betrachtet wurden. Daher zog die Auflösung auch keine Verfolgung von Verbindungsstudenten nach sich. Ganz im Gegenteil, viele von ihnen waren in wichtigen Positionen im nationalsozialistischen Deutschland tätig, die meisten wechselten in Kameradschaften des NSDStB. SS-Standartenführer Dr. Gustav Scheel, Mitglied im VdSt Tübingen, war seit 1936 Reichsstudentenführer und führte den NSDStB auf eine korporationsfreundliche Linie. Der NSDStB nahm sogar die Waffensatisfaktion an und wird damit selbst zu einer Art schlagender Verbindung.

Auch wenn dies jetzt nur einige Schlaglichter waren und sich zur Verbindungsgeschichte in Tübingen noch viel mehr sagen ließe, eines wird klar: Das positive Bild, das Studentenverbindungen von ihrer Geschichte zeichnen ist in höchstem Maße einseitig. Die Rolle als Funktionseliten im Kaiserreich, als Kriegsbegeisterte im 1. Weltkrieg und als Vorkämpfer der Reaktion nach der Novemberrevolution wird kaum thematisiert und wenn, dann wird sie schön geredet. Die unrühmlich Rolle, die viele Verbindungen als Wegbereiter des Nationalsozialismus spielten wird meist schlicht verschwiegen. Aus der Geschichte der Studentenverbindungen wird ihre Rolle als Elite, die meist Anteil an der Herrschaft hatte und Versuche die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu ändern, bekämpfte eben so deutlich wie die Kontinuität völkisch-nationalistischer, rassistischer und antisemtischer Positionen. Auch heute noch sind viele Verbindung Hort eines völkischen Nationalismus und eines von militaristischen Vorstellungen geprägten Männerbildes, wie es sich bei den pflichtschlagenden Verbindungen am deutlichsten zeigt.
Deshalb: Der Geschichstverfälschung vieler Studentenverbindungen etwas entgegen setzen! Verbindungsgeschichte kritisch erforschen! Studentenverbindungen auf allen Ebene kritisieren!
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Redebeitrag gegen das Burschi-Frühschoppen – SDAJ Tübingen

Die Kritik an studentischen Verbindungen an sich ist wichtig und notwendig. Für eine emanzipatorische Gesamtperspektive stellt sich dabei jedoch eine zentrale Frage: Welche Rolle spielen Verbindungen eigentlich im Kapitalismus?

Verbindungen sind der Form nach Zusammenschlüsse von Menschen. Nun wäre dies in dieser Allgemeinheit etwas sinnlos, und in der Tat sind Verbindungen von vornherein angelegt als vergleichsweise kleine, ausgewählte Kreise von meist männlichen Menschen, die einen ganz bestimmten Ausbildungsweg durchlaufen, nämlich das Studium. Verbindungen, nun ja, verbinden eben, aber nicht irgendwie irgendwen, sondern bereits der Form nach auf elitäre Art und Weise. Und das ist für Verbindungszugehörige alles andere als sinnlos, denn es katapultiert sie in die Zirkel der Minderheit von Menschen, die vom Kapitalismus profitieren. Und umgekehrt herum stellen Verbindungen einen Auswahlpool dar, aus welchem die einzelnen Kapitalfraktionen sich neue Repräsentanten wählen können. Schließlich müssen auch die Charaktermasken des Kapitals reproduziert werden, und aus alter Verbundenheit unter Verbindungsstudenten verspricht ja durchaus eine profitträchtigere Mehrwert-Melkkuh zu werden. Das Kapital dankt.

Unabhängig von dem Ursprung der Selbstbezeichnung »Verbindung« verbinden Verbindungen jedoch auch etwas vollkommen anderes: Sie sind ein Teil vom Kitt, vom Klebstoff zwischen der kapitalistischen ökonomischen Struktur und seinem Überbau. Ihre elitäre Form trägt sicherlich ihren Teil dazu bei, noch viel mehr jedoch ihre zumeist reaktionären Inhalte. Verbindungen halten durch ihre sexistischen und rassistischen Auswahlkriterien soziale Hierarchien aufrecht, die der kapitalistischen Produktionsweise nutzen. Sie feiern vermeintlich unpolitische Parties, die sie mit sexistischen Flyern bewerben. Sie propagieren mehr oder weniger offen eine elitäre Demokratieauffassung, die in ihrer Konsequenz antidemokratisch und antiegalitär ist. Sie bewegen sich in nationalistischen Kategorien und lassen ihrem Nationalismus bei populärkulturellen Events wie der Männer-Fussball-WM freien Lauf.

All dies ist an sich zu kritisieren, denn es zieht Linien durch unsere Gesellschaft, denen an sich recht wenig Bedeutung zukommt, wie zum Beispiel der Heterogenität menschlicher Körper, und es widerspricht ganz direkt dem Interesse von uns und allen anderen Menschen, die die Leidtragenden von Sexismus, Nationalismus und Rassismus sind. Es ist aber von einer grundsätzlicheren Warte aus ebenfalls zu kritisieren: die ungeheure Mehrheit aller Menschen muss tagtäglich Lohnarbeit leisten, um an ihre unmittelbaren materiellen Lebensmittel zu gelangen. Aber die ökonomische Sphäre existiert eben nicht für sich alleine, sondern wird von Ideologie und Überbau begleitet. Der italienische Marxist Antonio Gramsci hat dies als »Schützengrabensystem im modernen Krieg« bezeichnet. Verbindungen stellen letztendlich Bastionen in diesem vielschichtigen Verteidigungssystem des Kapitalismus dar, ihre Kultur ist herrschaftsstabilisierend. Und wir können davon ausgehen, dass jede einzelne Verbindung in Zeiten gesellschaftlicher Umwälzung sich als Hort reaktionären Widerstandes herausstellen wird.

Umgekehrt heisst das: Um das zu überwinden, wofür Verbindungen stehen, und nicht nur die Verbindungen selbst zu überwinden, um uns wirklich frei entfalten zu können, um die Bedingungen für ein schönes Leben, das den Namen auch verdient, um all das zu erlangen, müssen wir gemeinsam gegen den Kapitalismus kämpfen. Frei nach Marx sagen wir: Die Forderung, Verbindungen aufzulösen, ist die Forderung, einen Zustand aufzulösen, der der Verbindungen bedarf. Unser Widerstand darf daher nicht dabei verbleiben, uns individuell gegen Verbindungen und ihre Inhalte zu stellen. Nur kollektiv und organisiert werden wir einen Bewusstseinswandel der überwiegenden Mehrheit erkämpfen können, welcher den revolutionären Bruch ermöglicht und Verbindungen konsequent verschwinden lässt.

In diesem Sinne: Lasst uns gemeinsam Verbindungen kappen, für die Überwindung des Kapitalismus kämpfen und der Tübinger Reaktion in das Frühstücksweizen spucken!